Dienstag, 3. November 2015

Bonmot "Honig ums Maul schmieren"

Bonmot "Honig ums Maul schmieren"


Damit will man sagen, dass man jemand schmeichelt, um ihn günstig für sich zu stimmen. Man schleimt wie wir im Deutschen auch gelegentlich sagen. Honig und Schleim. Beides ist klebrig, das ist wohl wahr. Den Honig aber als schleimige Masse zu bezeichnen würde der Qualität des Imker-Produktes Unrecht tun. Also kann man wohl diese Herkunft ausschließen.

Manche Quellen begründen den Ursprung darin, dass man jemandem Honig mit dem Löffel verabreicht - vorzugsweise den kleinen Kindern - um sie gnädig zu stimmen. Gelegentlich wird das süße Naschwerk auch auf dem Schnuller verabreicht, was bekanntlich tatsächlich zu einer ziemlichen Schmiererei ausartet. Auf jeden Fall ein Trick mit Geling-Garantie.

Warum sollte das, wenn es bei den menschlichen Naschkatzen funktioniert, nicht auch bei einem Gott seinen Zweck erfüllen. Die Wendung wird nämlich gelegentlich auch auf einen chinesischen Brauch zurückgeführt. Deren Küchengott sollte dem Glauben nach am 25. des letzten Monats in den Himmel steigen, um dort über die Hausbewohner Bericht zu erstatten. An jenem Tag wurde daher besonders eifrig geopfert und den kleinen Küchengott-Figuren Honig auf die Lippen gestrichen.

Diese Erklärung allerdings findet im „Duden Redewendungen“ wenig Anklang. Er bezieht sich auf das liebevolle Füttern von Kleinkindern, um sie gnädig zu stimmen.


Bonmot "Dreikäsehoch"

Bonmot "Dreikäsehoch"


Als laufender Meter oder auch als Dreikäsehoch müssen sich gelegentlich kleine Kinder bezeichnen lassen. Insbesondere dann, wenn sie sich größer wähnen, als sie sind.
Offensichtlich gab es schon im 18. Jahrhundert derart kleine Naseweise, die sich für klüger hielten als der Rest der Welt. Damals fand man nämlich für sie die Bezeichnung Dreikäsehoch. Um sie scherzhaft wieder an ihre eigentliche Größe zu erinnern.

Woher die Redewendung stammt, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Auch eine genaue Vorschrift, wie hoch diese drei Käselaibe sein müssen, gibt es nicht. Ausgeschlossen werden kann auf jeden Fall, dass damit drei Camembert gemeint sind. Das Maß berechnet sich nach richtigen Käselaiben mit mindestens zwanzig Zentimeter in der Höhe. Nach holländischer Art mit einem Umfang so groß wie ein Auto-Rad. Auch wenn das für einen Käse schon stattliche Ausmaße sind, ist ein Mensch mit einer Höhe von drei Käselaiben dennoch noch sehr klein.

Ebenso hoch ungefähr wie drei aufeinander gestapelte Kisten. Gelegentlich liest man nämlich auch, dass der Begriff „Dreikäsehoch“ aus einer Wortabwandlung herrührt. Auf Französisch heißen die Kartons caisse. Was sich dann später in Käse verwandelt haben kann abstammend von drei Kisten hoch.
Das Fazit bleibt auf jeden Fall gleich: Klein bleibt klein ob in Kisten oder Käsen gemessen. Für einen neunmalklugen Sprössling verwenden die Franzosen übrigens einen ganz anderen Spruch: „a peine haut comme trois pommes.“ Kaum drei Äpfel hoch.


Bonmot "Beleidigte Leberwurst"

Bonmot „Beleidigte Leberwurst“


Kann eine Leberwurst beleidigt sein. Wenn ja, wie äußert sich das? Nun, dass Leberwürste Gefühle zeigen, davon wollen wir einmal nicht ausgehen. Und dennoch verwenden den Ausdruck „Beleidigte Leberwurst“ bereits die kleinen Kinder. Warum also werden wir Menschen ausgerechnet mit einer Leberwurst verglichen, wenn wir schmollen oder verärgert sind?

In diesem Zusammenhang geht die Reise zurück in die Zeit, in der man die einzelnen Funktionen unseres Mysteriums Körper noch nicht recht zu deuten wusste. Und so sah man im Mittelalter die Leber als Organ, welches für Reaktionen zuständig ist. Sogar die Gelehrten gingen davon aus, dass alle Gefühle des Menschen, egal ob Trauer, Liebe oder Wut, in der Leber produziert werden. Und wenn sich nun jemand einfach so angegriffen fühlte, ohne handfesten Hintergrund, dann hatte jemand seine Leber gekränkt. Er hatte eine beleidigte Leber.

Die Wurst kam erst später zur Redensart dazu. Es hätte also genau so gut ein schmollender  Leberknödel daraus werden können. Wäre da nicht ein Metzger gewesen, der seine Leberwürste demütigte bis sie vor Wut platzten. Denn er entfernte alle anderen Würste, wie zum Beispiel die Blutwurst, vor der Leberwurst.  Aus einem ganz einfachen Grund. Sie müssen nicht so lange kochen müssen. Es gab dafür also einen handfesten Grund. Allerdings hat der die Leberwurst nicht interessiert. Weil sie allein im Kochtopf bleiben musste, war sie beleidigt.  So haben wir heute eine beleidigte Leberwurst im Gegensatz zur Laus, die einem  über die Leber gelaufen ist. Da unterstellt man den Betroffenen nämlich, dass sie tatsächlich berechtigten Grund haben, verärgert zu sein. Warum aber jetzt hier wieder ausgerechnet eine Laus. Eine Laus ist ein kleines Tier und da es sich wenn einem eine Laus über die Leber gelaufen ist nur um eine kleine Unpässlichkeit handelt, braucht man dafür auch ein kleines Tier. Ein Elefant über die Leber – das wäre dann schon wieder eine Steigerung. Darüber hinaus beginnen beide Worte nicht mit den gleichen Anfangsbuchstaben. Gerade das wird aber häufig in Sprüchen, die die Menschen sich leicht merken können sollen genutzt. Laus – Leber. Es handelt sich dabei um eine rhetorische Angelegenheit, welche man als Alliteration bezeichnet.




Bonmot "Alles in Butter"

Bonmot „Alles in Butter“


Man könnte sich tatsächlich viel Verpackungsmaterial sparen, wenn man dazu über gehen würde sich auf Altbewährtes zu besinnen. Ganze Berge von Plastik, Styropor und Papier, die nicht mehr zum Einsatz kommen müssten. Würde man nur „Alles in Butter“ packen. Übergeschnappt? Keineswegs.  

Wir kennen heute den Ausspruch „Alles in Butter“ als Synonym für „Alles in Ordnung, alles in Sicherheit“. Es läuft wie geschmiert hat allerdings eine ganze andere Bedeutung. Wenn alles läuft, alles funktioniert wie geölt, dann nennt man das heutzutage einen Flow. Ob im Geschäft, in der Liebe oder finanziell. Das hat nur im weitesten Sinne mit dem Schmierstoff Butter zu tun.

Alles in Butter haben wir den Venezianern und ihren Handelspartnern zu verdanken. „La Serenissima, heute in erster Linie als Touristenhochburg bekannt, galt lange Zeit als Umschlagplatz für Waren aus aller Welt. Der Palazzo Fondaco die Tedeschi zeugt noch heute von den Vertretungen großer deutscher Handelshäuser in der damaligen „Weltstadt“. Glas aus Murano, der kleinen Insel bei Venedig, gilt heute als Inbegriff für qualitativ hochwertige Glaskunst. Dort Murano bei Venedig können wir heute noch die Künstler beobachten und die Prachtstücke als Souvenirs und Andenken mit nach Hause nehmen. Wie gesagt, verpackt in Unmengen an umweltschädlichem Plastik. Einst mussten die teuren Gläser auf dem Rücken der Pferde oder in Kutschen aus Venezien über die Alpen transportiert werden. Ohne Stoßdämpfer. Die hat es damals noch nicht gegeben. Wie man übrigens im Verkehrsmuseum in München eindrucksvoll zu beweisen vermag. Dort kann man computersimuliert die damaligen ziemlich unsanften Reisebedingungen am eigenen Leib erfahren. In einer ehemaligen Postkutsche – wahrlich kein Vergnügen.

Darüber hinaus gab es damals auch keine Tunnel durch die hohen Berge. So musste das kostbare Gut auf holprigen Wegen über Berg und Tal an ihren Bestimmungsort verschafft werden. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen für das zerbrechliche Gepäck. Ein kleiner Stoß genügte und die Ware hätte nicht mehr verkauft werden können. Dass Scherben Glück – ob man das den Händlern hätte schlüssig erklären können? Wohl kaum. Nun geht ja nichts über die Findigkeit von Geschäftsmännern. Damals wie heute. Und so kam man im Mittelalter auf die Idee, die Gläser in großen Fässern zu transportieren. Darüber goss man heiße Butter, welche sich beim Erkalten verfestigte. Die Gläser konnten nicht mehr verrutschen und hielten selbst einem Fall aus der Kutsche stand. „Alles in Butter“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Ob und wie dann bei der Ankunft das nun überflüssige Milchprodukt weiter verwendet wurde ist leider nicht überliefert.


Bonmot "Absahnen"

Bonmot „Absahnen“

Eis, Erdbeertorte, Cappuccino – „aber bitte mit Sahne“. Udo Jürgens besang die Kalorienbombe die uns allen das Wasser im Munde zusammen laufen lässt. Und meist sind es tatsächlich die kleinen Sahnehäubchen obenauf, welche nicht nur von den kleinen Kindern besonders heißt begehrt werden. Kommt daher die Redewendung absahnen, weil die kleinen Schleckermäuler mit Vorliebe das Beste – sprich die Sahne – von allem abkratzen? Mütter kennen die „abgeernteten“ trockenen Kuchen – übrig gelassen von ihren lieben Kleinen nach dem „absahnen“. Kommt daher der Ausdruck?

Sicher profitieren die kleinen Naschkatzen davon, weil ihr Hunger nach einer Extraportion Süßes damit ausreichend gestillt ist. Allerdings ist das Bonmot „Absahnen“ nicht aus diesem Hintergrund heraus entstanden. Es stammt vielmehr aus einer Zeit, als Sahne noch als etwas besonderes Nahrhaftes und somit Wertvolles gegolten hat. Als man noch weit davon entfernt war Kalorien zu zählen lieferte sie lebensnotwendige Fette und fettlösliche Vitamine.

Die Sahne, sprich der Rahm sind die fetthaltigen Milchteile, welche sich bei der Milch oben absetzen wenn sie eine kurze Zeit stehen geblieben ist. Wohlgemerkt nur bei Rohmilch frisch von der Kuh. Würde man das heute bei unserer homogenisierten Milch ausprobieren, erhielte man nur abgestandene Milch. Der an der Oberfläche abgesetzte Rahm ist damals wie heute der Grundrohstoff für die Butter- und Käseherstellung. Auch der österreichische Begriff Obers, ein anderer Ausdruck für Sahne, lässt sich daher ableiten, dass man das obere abschöpft, also die Obermilch. Man hat also tatsächlich abgesahnt, was heißt das Beste daraus entnommen. Heute kennen wir eine Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten mit unterschiedlichen Bezeichnungen. Wie in etwa Creme Fraiche oder Schmand. Allerdings den Begriff „abschmanden“ oder „abfraichen“ gibt es bisher noch nicht.


Gewusst woher?


Wie leicht rutschen doch manche Sprüche über die Lippen, die bereits fest in den Sprachgebrauch integriert sind. Die Herkunft derselben interessiert den Benutzer nicht. Bis zum Tage X. Bis zu jenem Tag, an der Angesprochene die Unverfrorenheit besitzt, zu fragen ob man denn wenigstens wüsste, worüber man  da redet.




Manche von den fest stehenden Ausdrücken lassen sich leicht ableiten und erklären. „Perlen vor die Säue“. Da weiß jeder was damit gemeint ist. Andere hingegen – nun da weiß man spontan nicht unbedingt was es bedeutet. Die Frage danach, ob man überhaupt wüsste, wo der Ursprung desselben begründet liegt. Das kann ganz schön peinlich werden. Bleibt man die Antwort schuldig, gilt man dann schnell als Angeber und Aufschneider. „Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt sich`s völlig ungeniert“  ist nicht jedermanns Sache. Also möchte man dem neugierigen Gegenüber doch gerne auch die Herkunft erläutern. Wohl dem, der da die richtige Antwort parat hat.  

Nehmen wir als Beispiel zum Beispiel das beliebte „Alea iacta est“. Die Würfel sind gefallen. Bei der Begegnung mit einem richtigen Lateiner kann man da absolut ins Schwitzen kommen. Die legen ausgesprochen viel Wert auf Endungen und können ganz schon viel Verwirrung schaffen dadurch. Jeder Schüler, der sich mit den Übersetzungen abquälen muss kann ein Lied davon singen. Endungen, Deklinationen, Fälle und Deutungen einzelner Wörter. Dann fallen die Würfel plötzlich nicht mehr, sondern sie wurden geworfen. Original hat der Würfel nämlich gar nichts gemacht, er bleibt passiv. Die Handlung geschieht von außen, er ist nicht selbst gefallen, sondern er wurde dazu veranlasst. Also heißt es eigentlich: Der Würfel ist geworfen worden, oder? Aber es kommt noch schlimmer. Alia – wer oder was. Der Würfel oder vielleicht die Würfel - das ist hier die Frage. Alea kann beide Bedeutungen haben. Singular (Einzahl) oder Plural (Mehrzahl). Ja, wäre da nicht das kleine iacta, was dann wieder auf Mehrzahl hinweisen müsste - eigentlich. Das kleine Wörtchen „est“ aber ist dann definitiv zu übersetzen mit er/sie/es ist. Wörtlich also: die Würfel ist gefallen. Das geht nie und nimmer. Dann lieber doch der Würfel? Wie gemein sind doch die Lateiner. Längst veraltet ihre Sprache und sie ärgern uns auch heute noch damit.  Richtig wäre „Aleae iactae sunt“. Sunt heißt nämlich sie sind.  Alles klar, oder. Jedenfalls, die Würfel sind gefallen ist als freie Übersetzung durchaus richtig.

In anderen, ganz schlimmen Fällen, kann es sogar vorkommen, dass man die Bonmots an falscher Stelle einsetzt. Allerdings werden solche Fauxpas meinen Lesern in Zukunft nicht mehr passieren. In der Serie „Gewusst woher“ werden wir den Hintergründen auf die Spur kommen, ihren Ursprung erforschen und das ganze geheime Wissen dann Sinn erfüllt wiedergeben.


Trotz Internet heutzutage gibt es allerdings immer noch die Notwendigkeit in Büchern nachzuschlagen. Die Inhalte dort sind gründlich recherchiert, von Themen kundigen Verfassern hinterfragt und fundiert. In Büchern kann nicht Hinz und Kunz seine Meinung kundtun, ohne Rücksicht darauf ob die Sache Hand und Fuß hat. Gedruckt und gebunden wird nämlich in der Regel nur, was offiziell Gültigkeit hat. In der Regel jedenfalls. Bei der Erforschung diverser Redensarten ist es dann immer wieder von Vorteil, in den örtlichen Bibliotheken und Archiven nachzuschlagen. Im Hinblick auf diverse Redewendungen ist auch der Duden Nr. 11 „Redewendungen“ sehr hilfreich. 



Montag, 2. November 2015

Nordkorea, das rätselhafteste Land der Welt

Lifestyle in Nordkorea, dem rätselhaftesten Land der Welt

Nordkorea öffnet sich der Reise- und Tourismusbranche in kleinen Schritten

Lifestyle in Nordkorea heißt Leben für den Staat: „Frage nicht, was die Demokratische Volksrepublik Nordkorea für Dich tun kann, sondern was Du für die Demokratische Volksrepublik Korea tun kannst.“ So lautet einer der Slogans in dem unbekannten Land, welches von einem der totalitärsten aller Systeme regiert wird. In dem ostasiatischen Staat stellt man keine Fragen, alle sind bereits beantwortet. Der Weg ist vorbestimmt. Die Regierung beschützt seine Bürger und sagt ihnen, was zu tun ist. „Charakter ist Schicksal“ ist ein Zitat des nordkoreanischen Führers Kim II Sung, der seit seinem Ableben im Jahr 1984 immer noch als  „Ewiger Präsident“ über seinen Tod hinaus verehrt wird. Der stalinistische Diktator wird in der nordkoreanischen Propaganda als der „Große Führer“ bezeichnet.

In Nordkorea ist man glücklich. Es ist eine andere Art der Glückseligkeit. Man ist froh, wenn der Tag normal verläuft, man zu essen hat und niemand ins Arbeitslager wandert. In Nordkorea besudelt einen keine Werbung und weckt niemals endende Begehren nach Sachen, die man nicht braucht. Die Schrecken des Kapitalismus überschatten nicht die abgeschirmte Nation Nordkorea. Westliche Gesetze verursachen, sollte jemals einer aus dem Land herauskommen, mehr als Verwunderung. Amerika ist ein merkwürdiges Land, weil dort die Klapperschlage gesetzlich geschützt wird. Ein Untier, das von seinen Opfern verteidigt wird und Menschen, die mit Tieren in einem Haus leben. So was würde es in Nordkorea niemals geben. Denn dort sind nicht einmal die Menschen vor der staatlichen Willkür sicher.

Dennoch – man beklagt sich nicht in Nordkorea. Vorsichtshalber. Über Arbeit beschwert man sich niemals, hat man doch keinesfalls so viel geleistet wie der geliebte Führer. Deswegen ist der geliebte Führer ein Mensch, zu dem man aufblicken muss, den man verehren muss, ein Mensch dem man alles verdankt. Aber auch ein Mensch, dessen Gunst man auf Gedeih und Verderben ausgeliefert ist.

Glaubt man der Propaganda, dann denunzieren wir westlichen Kulturen das rätselhafteste Land der Welt. Betrachten wir nicht einerseits die manipulativen Farbglanzprospekte, die Vorspiegelung einer Welt in Glanz und Glamour mit Argwohn und fragen uns dennoch wie man in Nordkorea ohne dies alles leben kann. Nordkorea ist rein und soll von nicht verdorben werden.

In Nordkorea ist man versorgt, solange man sich an die Regeln hält. Ganz einfach. Ist das nicht ein guter Deal. Keine Unzufriedenheit, keine Fragen, keine Entscheidungen und keine Freiheit des Geistes. Und ist es nicht manchmal besser nicht zu denken und nicht entscheiden zu müssen. Unter diesem Aspekt kann die Frage, was ist Freiheit schwer beantwortet werden. Wann fühlt man sich lebendiger. Wenn man gerade aus dem Dreck gekrochen ist und wieder die Sonne sieht. Oder wenn man die Sonne ständig vor sich hat und sie gar nicht mehr zu schätzen weiß.

Manche Menschen nehmen ihr Schicksal hin, andere nicht. Vielleicht ist es gut, dass diese Menschen nur in seltenen Fällen und  nach reichlicher Überprüfung die Gelegenheit haben ihr Land zu verlassen. Was macht man, wenn man einmal den Duft der weiten Welt geschnuppert hat. Würde man sich dann in Nordkorea wieder wohl fühlen können.
Für die Bürger aber soll das geliebte Land eine Insel der Glückseligkeit sein, umringt von falschen Staatsformen. Eine paradiesische Welt, frei von allem. Ein Land, in dem man keine materialistische Habgier kennt. Selig sind die, die nichts wissen, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Oder ist die Vorspiegelung der großartigsten Nation der Welt ein riesengroßes, gigantisches Schauspiel. Gibt es diese Straflager, in denen die ihr Dasein fristen, die ihre Rolle nicht spielen wollen oder gibt es sie nicht. Verschwundene Personen, die anstatt von Reichtum und Demokratie von Entbehrung und Verlust reden befinden sich offiziell auf einer sorgenfreien Insel. Wer aus unseren Breitengraden Nordkorea besucht hat, kann dennoch niemals wirklich da gewesen sein. Wer weiß, ob das was man dort gesehen und gehört hat nicht nur für eine unglaublich groß angelegte Kampagne inszeniert wurde. Was ist Realität was ist Lüge? Was ist gut und was ist böse?

Wer das Buch „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ von Adam Johnson gelesen hat, möchte denken, das ist nur ein Roman. Ob es so ist oder so war werden wir erst erfahren, wenn die Schriftsteller aus dem asiatischen Land an der Grenze zu Südkorea ihr eigenes Werk verfassen dürfen. Aber Nordkorea ist ein Land, das man sich nicht ausdenken kann, es ist real. So hat der Autor des Buches nur mit vorher ausgewählten Personen sprechen dürfen. Und doch erzählen Republikflüchtlinge und Zeugenaussagen von Überlebenden des Gulags erschreckende Geschichten von Menschen, die den Alltag in Nordkorea erlebt haben. Sie ähneln sehr dem Albtraum, der in dem Werk beschrieben wird. Adam berichtet über seine Reise im Rahmen der Recherche für das Buch ihm wäre aufgefallen, dass man nirgendwo Behinderte sieht und dass alle Frauen dieselbe Lippenstiftfarbe tragen. Von einem Lkw von „Freiwilligen“ unterwegs aufs Land und davon, dass jeder, den er treffen durfte zuvor ein spezielles Training durchlaufen hat. Mit Menschen denen er auf der Straße begegnet ist sprechen durfte er nicht. Die meisten Bewohner sehen Ausländer nicht einmal an, um kein Risiko einzugehen. So hat er in seinem Buch einen fiktiven Menschen zum Leben erweckt. Für die Schilderungen wie die Grundsätze des Totalitarismus, das Menschliche in uns zu vernichten verpackt in einen Bildungsroman, einen Spionage-Thriller, eine Liebesgeschichte und eine Geschichte über Erlösung in einem Buch erhielt Johnson den Pulitzer-Preis 2013. Die höchste Auszeichnung für amerikanische Autoren für einen Roman, der die menschliche Seite Nordkoreas zu beleuchten versucht.

Nordkorea ist nichts für Querdenker und Freigeister. Für Touristen ist Nordkorea ein interessantes, unbekanntes Land. Natürlich will man hier ein Stück vom Kuchen abhaben und bietet ganz kapitalistisch Reisen an. Zum Friedhof der Revolutionshelden oder auch in die Gewächshäuser in denen die Nationalblumen Kimjongilie und Kimilsungie gezüchtet werden. Der Gast bewundert sozialistische Architektur, Museen und genießt die kulinarischen Varianten der koreanischen Kochkunst. Allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Für Touristen kann es faszinierend sein, sie bekommen ohnehin nur die Schokoladenseite zu Gesicht. Das Land geht langsam auf den Rest der Welt zu so scheint es. Wen es nicht stört, bei der Ankunft sein Handy abzugeben, mangels Internet keinen Anschluss zur Außenwelt zu haben und davon auszugehen, dass geführte Telefonate überwacht werden, der wird staunen ob der Andersartigkeit, der abwechslungsreichen Landschaften und der unberührten Natur. Fotos sollten nur gemacht werden, wenn zuvor eine Erlaubnis erteilt wurde. Ansonsten können vermeintlich harmlose Fotografien immense Probleme auslösen. Die Erlaubnis kann der ständige Begleiter vor Ort erteilen, alleine durch Nordkorea reisen ist nämlich nicht möglich. Journalisten erhalten in der Regel überhaupt keine Einreisegenehmigung.