Sonntag, 1. November 2015

Buchrezension "Wendelins Traum"


Der irdische Hexenkessel: Wendelins Traum ist kein weiteres Buch über Nahtoderfahrungen und auch kein religiöses, sondern ein sehr philosophisches Buch. Es behandelt zahlreiche Themen des menschlichen Lebens und auch die Frage nach dem Danach.

Eine kurze Einweisung führt den Leser an den Ort des Geschehens, in das Krankenzimmer eines Koma-Patienten. Dann meldet sich eine Stimme aus dem Jenseits und versucht, die imaginäre Welt der Seelen begreiflich zu machen. Sie erzählt von den Sorgen und Nöten im vermeintlichen Paradies. Führt ein in Diskussionen um die Frage, wie Gott sich den Menschen heute offenbaren könne, um sie zur Räson zu bringen. Oder wer sich in Gottes Namen äußern könnte bis hin zu Überlegungen, ob korrigierende Maßnahmen wie eine erneute Sintflut die Lösung wäre oder eher die Erschaffung einer neuen Welt, da an dem Planeten Erde nichts mehr herumzudoktern ist.

Sie schildert die Suche nach den Seelen bedeutender Persönlichkeiten, die so schwer zu finden sind wie ein ausgeliehenes Buch, da sie sich auch immer wieder auf der Erde befinden, um dort erneut ein menschliches Dasein zu fristen. Um schließlich zu kurzen philosophischen Unterhaltungen mit Konrad Lorenz oder Karl Marx zu führen. Das Bild vom Aufenthalt der Seelen im Jenseits von ihrer Läuterung und der ihm auferlegten Pflicht danach wieder in die irdische Welt zurückzukehren, um neu erzeugtes Leben mit einem Funken Existenz zu beseelen. Bis sie den Grad der Läuterung erreicht haben, um Teil der höchsten Intelligenz zu werden.

Um die Suche Wendelins auf Antworten im Jenseits zu verstehen, ist es notwendig sein Leben auf Erden rückwirkend zu betrachten. Diese Passagen lassen die Schwere der Thematik vergessen und genehmigen eine angenehme Phase der Entspannung, welche in den meisten anderen Büchern zum Thema nicht gewährt wird.

Dann wechselt der Schauplatz zu einem kleinen Buben, der sich mit der Frage  wie es denn nach dem Tod weitergeht befasst und die ihn lebenslang prägen soll. So behandelt der Inhalt auch die Frage, wohin Menschen gehen wenn sie uns verlassen haben. Eine Frage die sich jeder Mensch stellt, wenn er zum ersten Mal mit dem endgültigen Fortgang einer Person aus seinem Umfeld konfrontiert wird. An dem Punkt, an dem der Mensch begreift, dass auch sein Leben einmal zu Ende sein wird. Der Lebensweg dieses jungen Mannes wird geschildert bis sich der Kreis schließlich schließt. Vorhersehbar und etwas abrupt.

Das Werk gibt aber auch auf lebehafte Weise Einblick in die Geschichte der Nachkriegszeit, in die der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands aus unterschiedlichen Perspektiven der Mitschüler des kleinen Jungen. So zeigt es den Lebensweg eines einzelnen Menschen im Geflecht anderer Leben in vielen Facetten auf - bis hin zu einer Liebesgeschichte. Es versucht die Kausalkette von Ereignissen auf Erden zu ergründen, welche uns - wenn der Autor mit seiner Vermutung Recht hat - auch im Seelenlabyrinth noch verfolgt: Wer sind wir, was tun wir hier, was wird aus uns werden.

Es ist zugleich die Geschichte der Entwicklung von Menschen, die Wendelin in seinen Jugendjahren begleitet haben, bis deren Weg sich trennte um schließlich in fortgeschrittenem Alter wieder zueinander zu finden. Getrennt auch durch Teilung Deutschlands. So bietet der Schauplatz Berlin auch Spielraum für einen Einblick in die ungewollte Entzweiung von Menschen zwischen Ost und West.

Andererseits befasst es sich auch mit den Widersprüchen der irdischen Kirche, ihren Doktrinen und Dogmen und ihrer Stellung heute in der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang handelt es sich um ein sehr in Frage stellendes, kritisches Werk. Mit der Aussage „man muss die Kirche sehen als das, was sie wirklich ist, ein vom Menschen zur Herstellung und Erhaltung der Macht und Einfluss geschaffene politische Organisation“ gibt Anlass zur Diskussion.

Der Wechsel des Erzählers von der Sichtweise einer Seele aus dem Jenseits zum Menschen im Rückblick auf sein Leben bringt Auflockerung in die Schwere des Themas. Obwohl es auch zum Nachdenken anregt, liest es sich insgesamt vielmehr wie ein spannender Roman und hebt sich hiermit von anderen Büchern zu dieser Thematik positiv ab.


Wendelins Traum von Jürgen Drews, buch & media, ISBN978-3-86530-432-5, www.buchmedia.de